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Gruß zum Sonntag

 

Gruß zum Sonntag Estomini am 11. Februar 2024
von Pastorin Parra

 

Liebe Gemeinde,

„Gott lässt euch ausrichten: Ich hasse und verachte eure Feste und mag eure Versammlungen nicht riechen!“ (Am 5,21) – Ganz schön harte Worte sind das, die der Prophet Amos den Gottesdienstbesuchern damals, vor mehr als 2500 Jahren im Nordreich Israel, in der Haupt- und Kultstadt Samaria entgegengeschleudert hat. Amos ist kein Hofprophet, kein Gelehrter, sondern ein einfacher Mann vom Land, Hirte und Züchter von Maulbeerbaumfeigen. Er fährt wohl nicht im Trecker am Hofe von Samaria vor, sondern reitet allenfalls auf einem Esel. Und dennoch scheint er schon damals mit seinen Worten so ins Schwarze getroffen zu haben, dass man sie bis heute erinnert.

Was wenn hier heute in diesen Gottesdienst jemand mit so einem Satz hereinplatzte – auch noch ein Landwirt, so wie Amos, kein gelernter Theologe? Und: Hätte er denn Recht?

Wie ist es bestellt um unsere Gottesdienste? Gefallen sie Gott? Da gehen die Meinungen auseinander: Die einen meinen, langweilig seien sie, eine verstaubte Pflichtübung. Die Leute seien nicht mit dem Herzen dabei. Die anderen kommen in ihnen zu Ruhe und schöpfen neue Kraft.

Die einen meinen: politischer müssten sie sein, nicht so fromm und weltfremd; das sei doch verlogen. Die anderen schätzen es, aus dem Alltag in eine andere Welt einzutreten, ein heiliges Spiel.

Amos spricht ganz unverblümt aus, was Gott vom Kult an Hof und Tempel in Samaria hält:

„An euren Speisopfern habe ich kein Gefallen, und euer fettes Schlachtopfer sehe ich nicht an. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören!“ (Am 5,22-23)

Den Spiegel hält er der Elite des Nordreichs vor, der fast jedes Mittel zur eigenen Bereicherung recht zu sein scheint: Ausbeutung (4,1; 5,14), Rechtsbeugung (5,7) und Richterbestechung (5,10.12) – all das prangert Amos an und sagt auch klar, dass jedes der rauschenden Feste an Hof und Tempel nur durch  zu Unrecht erworbenes Gut möglich wurde – auf Kosten der einfachen Bevölkerung. Und das, obwohl sie behaupten den Gott zu feiern, der aus der Unterdrückung befreit.

Juden, Christen, Muslime, wir alle berufen uns auf den einen Gott, den „Ich bin da“, dem Unrecht und Unterdrückung ein Greul sind, der die Versklavten frei macht und den der Tanz ums Goldene Kalb anwidert.

Wie kann es sein, dass bis heute in seinem Namen so viel Unrecht geschieht? Religiöses Sendungsbewusstsein wird zum Vorwand für Gewalt. Eigene Machtinteressen werden als Gottes gerechter Wille verkauft. Die Nachrichten sind voll davon:

Nach den brutalen Angriffen auf Israel spielen sich auf einigen pro-palästinensischen Demos in Deutschland Jubelszenen ab, so eine Schlagzeile auf www.ZDF.de.

Die Unterschrift unter einem Bild aus der neuen Zürcher Zeitung vom 30.01. lautet: „Der israelische Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir singt und tanzt am Sonntag mit anderen Mitgliedern der Siedlerbewegung an einer Konferenz zur Wiederbesiedlung des Gazastreifens“

Oder aber: Es wird weggesehen – um des eigenen lieben Friedens willen, um die wohltönenden gottesdienstlichen Gesänge nicht zu stören:

„Die Ergebnisse der ForuM-Studie (zur Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt und anderen Missbrauchsformen in der Evangelischen Kirche und Diakonie in Deutschland) legen ein jahrzehntelanges Versagen der evangelischen Kirche und der Diakonie auf allen Ebenen und in allen Landeskirchen offen. Betroffene Personen wurden nicht gehört, Taten nicht aufgearbeitet, Täter geschützt und Verantwortung nicht übernommen“, so die gemeinsame Erklärung der Landeskirchen und des Rates der EKD sowie des Bundesvorstandes der Diakonie Deutschland vom 06.02.2024.

Amus fordert: „Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“ (Am 5,24).

Und es gibt bis heute Menschen, die wie er den Mund aufmachen und Missstände anprangern – aus ihrem Glauben an den Gott, in dessen Auftrag schon Amos sprach:

Der Rat Berliner Imame erklärte im Oktober 2023: „Mord, Hass und Gewalt dürfen niemals geduldet oder gar bejubelt werden. Unsere religiösen Überlieferungen und unser Islamverständnis verbieten ein solches Verhalten und rufen zu Frieden, Barmherzigkeit und Mitgefühl auf… Unsere Gedanken und Gebete sind bei den Opfern und Angehörigen der Terrorakte und der Vergeltungsschläge“,

Die Synode der EKD beschloss am 5. Dezember 2023: „Die Synode … ruft die Landeskirchen und Gemeinden auf, allen Versuchen, Zivilgesellschaft zum Schweigen zu bringen und Demokratie zu zersetzen, klar und deutlich zu widersprechen, auch in den eigenen Reihen. Die Synode verurteilt in aller Schärfe die erschütternden antisemitischen Vorfälle und Übergriffe jedweder politischen Couleur, die im Herbst 2023 in Deutschland und weltweit zu beobachten sind“

Eine andere Welt, ein heiliges Spiel - Dürfen wir uns das Sonntag für Sonntag erlauben? Müssen wir nicht hinaus in diese Welt und unsere Stimme erheben? Der Theologe und Widerständler gegen das NS-Regime Dietrich Bonhoeffer hat den Satz geprägt: „Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen“[i]. Ich denke: Wer Psalmen singt wie unseren Wochenpsalm: „Sei mir ein starker Fels und eine Burg, dass du mir helfest!“ (Ps 31, 3b) und sich dabei wirklich durchströmen lässt von der Hoffnung auf Recht und Gerechtigkeit Gottes für alle Menschen, der oder die kann und wird auch die Stimme gegen die Ungerechtigkeit dieser Welt erheben.

Wenn Kinder spielen, dann ist das ganz zweckfrei und doch brauchen sie das Spiel, um das Leben zu verstehen und Eindrücke zu verarbeiten. Das Spiel ist nicht Flucht aus der Realität, sondern ein Heraustreten und das Eröffnen neuer Räume. Die Seele braucht diesen Spielraum. Was hilft es dem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen und Schaden zu nehmen an seiner Seele? (Mk 8,36)

Wenn Gottesdienst den Raum öffnet hin auf das Unverfügbare und Hoffnungen Ausdruck in Bildern finden - ein Fels, eine Burg, ein Strom - dann kann der Gottesdienst wirklich eine Kraftquelle für die Herausforderungen unseres Lebens sein.

Gottesdienst kann den Blick fokussieren auf das, was uns wirklich wichtig ist. Unser heutiges Evangelium spricht vom Ernst der Nachfolge. Es spricht davon, sein Leben zu verlieren, um es zu gewinnen. Wenn das heilige Spiel des Gottesdienstes mit solchem Ernst betrieben wird und der Ernst verantwortungsvollen Handelns gespeist ist von der spielerischen Leichtigkeit des Gottvertrauens, dann stehen beide nicht im Gegensatz zueinander, sondern machen sich erst gegenseitig wahrhaftig und echt. Dann fließt uns zu, was wir uns nicht aus eigener Kraft nehmen können.

„Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“

Amen

 

P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!


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