Ev.-luth. Kirchengemeinde Preetz

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Gruß zum Sonntag

 

Gruß zu 3. Sonntag nach Trinitatis am 16. Juni 2024
von Pastorin Karopka

 

Liebe Gemeinde,

Junge Leute zählen oft die Tage, bis es endlich so weit ist: Koffer packen für einen Flug, um ein Jahr im Ausland zu sein. Vom Abigeld ein altes Auto kaufen und mit dem Freund richtig lange Ferien machen – ohne zu wissen, wann genau ihr Ende ist. Mit der Freundin in eine WG ziehen oder im Krankenhaus ein soziales Jahr absolvieren. Junge Leute zählen oft die Tage, bis endlich die Schule vorbei ist, wenn sie aus dem Elternhaus ziehen können, sich in neuen Tätigkeitsfeldern erproben.

Mit 20 stehen die Tore der Welt offen. Aber selbst im wirklich jungen Alter enden nicht alle Wege im goldenen Glück. Unser heutiger biblischer Text nimmt uns mit auf einen Weg von Aufbruch und Ankommen. Er ist uns aufgeschrieben im 15. Kapitel des Lukasevangeliums.   

Es nahten sich Jesus Zöllner und Sünder, um ihn zu hören. Und die Pharisäer und die Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen. Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach:  

Ein Mensch hatte zwei Söhne. Und der jüngere von ihnen sprach zu dem Vater: Gib mir, Vater, das Erbteil, das mir zusteht. Und er teilte Hab und Gut unter sie. Und nicht lange danach sammelte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land; und dort brachte er sein Erbteil durch mit Prassen. Als er aber alles verbraucht hatte, kam eine große Hungersnot über jenes Land und er fing an zu darben und ging hin und hängte sich an einen Bürger jenes Landes; der schickte ihn auf seinen Acker, die Säue zu hüten. Und er begehrte, seinen Bauch zu füllen mit den Schoten, die die Säue fraßen; und niemand gab sie ihm. Da ging er in sich und sprach: Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, die Brot in Fülle haben, und ich verderbe hier im Hunger! Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße; mache mich einem deiner Tagelöhner gleich! Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater. Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater und es jammerte ihn, und er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße. Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße und bringt das gemästete Kalb und schlachtet’s; lasst uns essen und fröhlich sein! Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein. Aber der ältere Sohn war auf dem Feld. Und als er nahe zum Hause kam, hörte er Singen und Tanzen und rief zu sich einen der Knechte und fragte, was das wäre. Der aber sagte ihm: Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das gemästete Kalb geschlachtet, weil er ihn gesund wiederhat. Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Da ging sein Vater heraus und bat ihn. Er antwortete aber und sprach zu seinem Vater: Siehe, so viele Jahre diene ich dir und habe dein Gebot nie übertreten, und du hast mir nie einen Bock gegeben, dass ich mit meinen Freunden fröhlich wäre. Nun aber, da dieser dein Sohn gekommen ist, der dein Hab und Gut mit Huren verprasst hat, hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet. Er aber sprach zu ihm: Mein Sohn, du bist allezeit bei mir und alles, was mein ist, das ist dein. Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden.    

Die biblische Geschichte spricht für sich. Und doch lohnt es sich, ein wenig tiefer in sie einzutauchen.

Da ist ein junger Mann, den es hinaus in die Welt zieht. Eigene Erfahrungen will er machen und unbekannte Wege gehen. Die Welt will er entdecken und seine Fähigkeiten ausprobieren. Auf dem Hof seines Vaters sieht er für sich keine Zukunft, denn er weiß, dass der ältere Bruder ihn nach dem Tod der Eltern übernehmen wird. So bittet er seinen Vater, sein Erbe schon vorher ausgezahlt zu bekommen. Der Vater willigt ein – und lässt ihn gehen. Keine Kritik und keine Warnung, keine Ratschläge und erst recht keine Nörgelei oder gar Vorwürfe. Der Junge darf den Duft der großen weiten Welt kosten. Er ist frei – mit dem bereits ausgezahlten Erbteil. 

Aber der junge Mann scheitert. Das hat verschiedene Gründe. Deutlich ist, dass er selbst einen nicht geringen Anteil an seinem Niedergang hat: Er ist mit seinem Geld nicht sparsam und vorausschauend, sondern verschwenderisch umgegangen, brachte sein Erbteil durch mit Prassen. Eine Hungersnot im Lande verschärfte die Schwierigkeiten für alle. Mit dem Hüten von Schweinen hat er eine Tätigkeit gefunden. Seinen Hunger wollte er mit den Schoten stillen, die die Schweine fraßen, aber niemand gab ihm davon etwas. Einsam, hungrig, arm – am Boden sitzend kam der junge Mann ins Nachdenken. Er dachte an sein Elternhaus, an die dort angestellten Tagelöhner, denen es besser ging als ihm in der Fremde. Und er entschloss sich, den Heimweg anzutreten, auch wenn er sich sicher ist, es wird nicht mehr wie früher sein: „Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen.“

Ganz ehrlich zu sich selbst nahm er sein Scheitern an – und wird es offen bekennen: „Vater, ich habe gesündigt  gegen den Himmel und vor dir.“ So macht er sich auf den Weg und sieht schon von weitem seinen wartenden Vater. Wie überrascht muss er gewesen sein, als sich da offene Arme zeigten.

Die wenigsten von uns sind schon zu Lebzeiten der Eltern mit dem Erbteil in die weite Welt gezogen. Aber der eine oder die andere wird aufgebrochen sein nach dem Schulabschluss in andere Gegenden, in ferne Länder, große Städte. Und wie schön ist es dann, mit all seiner Erfahrung, mit seinem Erfolg, aber auch mit den Erfahrungen des Scheiterns offene Arme in vertrauter Umgebung zu finden, ein Willkommen in der Familie und bei Freunden feiern zu können.

Aber wir blicken in dieser Geschichte auch auf den älteren Bruder, der sich nicht mitfreuen kann. Treu und fleißig hat er seinem Vater zur Seite gestanden. Viel hat er gearbeitet, pflichtbewusst hat er sich auf die Aufgabe vorbereitet, die nach dem Tod seines Vaters auf ihn zukommt: die Übernahme des Hofes. Vielleicht war er manches Mal genervt von der Sorge der Eltern, was wohl der jüngere Sohn macht. Vielleicht hat er sich manches Mal auch gewünscht, fortgehen zu dürfen. Aber er blieb.

Und nun hört er schon von weitem das rauschende Fest. Als er den Grund erfährt, wird er zornig und will gar nicht dabei sein, wenn die anderen feiern. Sein Vater kommt auch ihm entgegen, muss sich aber den ganzen Zorn seines älteren Sohnes anhören. So viele Jahre diene ich dir und habe dein Gebot nie übertreten – und du hast mir nie einen Bock gegeben, dass ich mit meinen Freunden fröhlich wäre.      

Ich bin mir ziemlich sicher, dass das nicht so war. Auch für den älteren Sohn wird der Vater hin und wieder die Scheune umgeräumt haben, auch für ihn und seine Freunde etwas Leckeres serviert haben. Aber all das ist jetzt überschüttet mit der Enttäuschung, dass sein Bruder gefeiert wird, der es in seinen Augen so nicht verdient hat.

Ich kann auch diese Sichtweise des Älteren verstehen. Schon manches Mal habe ich  ähnliche Erfahrungen gehört, wie z.B.: Ich pflege meine Mutter Tag und Nacht – und dann kommt meine Schwester aus Berlin angereist und ist die allerbeste.“  - „Den Betrieb meines Vaters habe ich all die Jahre in seinem Sinne weitergeführt, habe auf Abitur und Lehre verzichtet. Meine jüngeren Geschwister aber konnten das alles machen.“ So und ähnlich klingen die Worte heute.

Die dritte Figur in diesem Gleichnis ist der Vater. In dem Moment, als er seinen jüngeren Sohn zurückkommen sieht, durchzieht ihn Mitleid und Freude. Er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Der Vater hört die Reue des Sohnes, aber die Freude ist größer als alles, was er an Groll, an Sorgen, an Vorwürfen in den letzten Wochen in Gedanken an ihn hatte. Die Übergabe von Kleid und Ring an seinen Sohn macht deutlich, dass dieser wieder sofort in die Familie integriert wird. Die Schuhe erheben den jüngeren Sohn in den Stand eines freien Herrn. Diese Symbolik erhält durch das Ausrichten des Festes seine öffentliche Bestätigung. Lasst uns essen und fröhlich sein! Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden. Was für wunderbare Worte elterlicher Liebe. Welch starke Freude, einen verloren geglaubten Menschen wieder in seinem Leben haben zu dürfen.   

Eine biblische Geschichte, in der wir uns mit so vielen Gedanken und Gefühlen, Erinnerungen und Hoffnungen wiederfinden können. Erzählt wird sie uns von Jesus aber als Gleichnis für Gottes Liebe. Was auch immer hinter uns liegt, welche Nähe wir auch immer zu Gott hatten und haben – seine Arme für uns sind geöffnet, so dass auch das Tor ins Leben mit seiner Begleitung niemals ins Schloss fällt.

Jesus zeigt uns durch dieses Gleichnis aber auch: Uns wird ein Leben unter Geschwis-tern zugemutet. Niemand ist auf der Welt allein. Wer bekennt: „Ich glaube an Gott den Vater…“, der verbindet sich mit allen, die ebenfalls an den göttlichen Vater glauben. Sie werden ihm zu Brüdern und Schwestern. Sie helfen, stützen und stärken mich, ich kann mit ihnen meine Zweifel und Fragen zu Gott teilen und Ermutigung auf dem Glaubensweg erfahren. Aber von meinen Brüdern und Schwestern kann ich mich nicht einfach lossagen, sie sind Gottes Kinder wie ich selbst.

Eine großartige Familiengeschichte. Im Kleinen, weil sie von einem Vater und zwei Söhnen erzählt. Im Großen, weil sie uns mit hineinnimmt in Gottes Familie – Gott als Vater, wir seine Kinder, die in eigener Freiheit mit seiner Hilfe immer wieder ihren Weg gehen können – aufbrechen dürfen – bei ihm aber auch immer wieder ankommen können. Amen.

 

P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!


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Mittwoch, 19. Juni 2024:

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