Gruß zum Sonntag -

 

Gruß zum Sonntag Invokavit am 18. Februar 2024
von Pastor Lüdtke

 

Gott gebe uns ein Wort für unser Herz.

Und ein Herz für sein Wort.
Amen.

Liebe Gemeinde,
Jesus und der Teufel in der Wüste.
Eine theologische Debatte von zwei Schwergewichten, die sich auskennen.

„Wenn es schwer ist – nimm’s leicht!“, dachte ich mir.
Und wählte darum als Textfassung diejenige in Leichter Sprache.
Übrigens auch für den Kita-Alltag sehr geeignet!

Mir gefällt diese sogenannte „Leichte Sprache“, weil sie mich auf neue Aspekte des biblischen Textes aufmerksam machen kann.
Für Matthäus 4,1-11 ist das der Fall gewesen.
Drei Beispiele dazu:


Der erste Vers heißt: „Einmal ging Jesus in die Wüste.“
Doch bei Luther und anderen Übersetzungen ist es der Geist, der Jesus in die Wüste führt.
Und darum vermute ich, dass diese Wüsten-Führung Teil des göttlichen Plans ist.

Warum?
Um dem Teufel mal aufzuzeigen, wo dessen Grenzen sind. Gegen Gott kommt der Teufel nicht an – das wusste er allerdings schon.
Aber eben auch nicht gegen Gottes Sohn – nicht einmal dann, wenn dieser durch ein 40tägiges Fasten extrem geschwächt ist.

Denn dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zer-störe.

Tja, Teufelchen, wenn du jemanden hereinlegen willst, musst du dich wohl an die Menschen halten …
Bei denen kannst du dich auf die Schulter setzen und unentwegt Versuchun-gen flüstern – direkt gegenüber vom Engelchen.

Überhaupt, die Engel.

Denn als nächster Unterschied ist mir aufgefallen, dass diese bei der zweiten Versuchung fehlen. Jedenfalls in der Fassung der leichten Sprache.

Die Engel glänzen zwar generell – aber diesmal durch komplette Abwesenheit.

Kein Tragen auf den Händen, damit der Fuß Jesu und – in seiner Nachfolge – der aller Täuflinge nicht an einen Stein stößt.

Stattdessen geht es um die Gefahr, sich das Bein zu brechen. Das leuchtet mir bei solch einem Sturz auch viel eher ein. Und dazu Jesu Gebot: Die Menschen sollen keinen Unsinn machen.

Heide Simonis ist auf irgendeiner Kieler Woche da noch sehr viel deutlicher geworden.

Und zum Dritten. Da liegt der für mich größte Unterschied in der Ergänzung der Bibel in Leichter Sprache.
Es geht darum, dass Jesus den Teufel anbeten soll.
Dann könne er – Jesus – selber König sein. Und er – Jesus – könne – Ach-tung: jetzt kommts: – allen Menschen befehlen, dass sie das tun sollen, was in der Bibel steht.

Damit bekommt die letzte Versuchung Christi noch einmal eine neue Wendung, oder?
Alles tun, was in der Bibel steht.

Geht’s auch eine Nummer kleiner, Herr Luzifer?
Mir persönlich würde ein Verinnerlichen der Bergpredigt schon reichen.

Jesus bezieht sich in seiner dritten Abfuhr an den Versucher nur auf das Anbe-ten. Das gebührt Gott alleine.
Die Versuchung mit "Bibel-Geltung für alle“ überspringt Gottes Sohn ganz ele-gant durch Ignoranz.

Vielleicht auch darum, weil er weiß, dass sein göttlicher Vater uns Menschen nun mal den freien Willen gegeben hat.
Und letztendlich ja auch – für der Preis unserer Sterblichkeit – die Fähigkeit, das Böse vom Guten zu unterscheiden.

So weit, so leicht.
Und nun?

Ich nehme mir die drei Text-Unterschiede noch einmal vor.
I. Die Führung und der Weg.
II. Die Engel.
III. Die Bibel und das Anbeten.

Und beziehe sie auf meine Arbeit als Prozessbegleiter und später als theologi-scher Referent in der Kita-Arbeit, die in zehn Tagen endet.

Wer geht den Weg? Wer wird geführt? Und vom wem?
Von allen guten Geistern? Oder von selbigen verlassen?

Der Kirchspielprozess ist eine echte Zumutung.
Ich kenne keine Hauptamtlichen, keine Ehrenamtlichen, die um einen Struktur-prozess gebettelt haben, weil sie bis dato vor Kraft kaum laufen konnten und sich langweilten.

Eine echte Herausforderung.

Und ich nutze diese – vermutlich für mich letzte Möglichkeit – um zu betonen, dass ich dankbar für den Synodenbeschluss bin, die Entscheidungen für Dienstsitze, Aufgabenwahrnehmung und Rechtsform den KGRs der Kirchspie-le zu übertragen.
Und eben nicht von oben nach unten durchzuregieren.

Und vor Ort?
So viele Sitzungen, so viele Absprachen zwischen den Gemeinden.
Und gefühlt geht es oft nicht voran.

Ja, stimmt.
Aber es gibt eben auch diejenigen Kirchspiele, die schon länger in ihrer selbst-gewählten Rechtsform arbeiten.
Die einen neuen Gottesdienstplan ebenso mit Leben füllen wie den gemein-samen Gemeindebrief.
Die ihre Bezirke neu geordnet haben.
Die Lust daran haben, etwas Neues, etwas Gemeinsames, etwas Schönes für die Menschen zu planen und durchzuführen.

Auf dem Weg sind die einen genauso so wie die anderen.
Dankbar möchte ich im Rückblick jeden einzelnen Schritt anerkennen und wertschätzen.

Und wenn eine Sitzung ohne messbare Fortschritte die Beteiligten eben nicht auseinandergebracht hat, dann erkenne ich auch darin Gottes Geist.

Sprechen wir über etwas Konkretes. Ich komme zu meinem Punkt II. - die En-gel.
Engelsgeduld fällt mir ein.

Damit wird im Kita-Alltag vieles ertragen.
Die Forderung „Mehr Zeit für jedes Kind“ wird wohl jede Leitung unterschrei-ben; das weiß ich aus Gesprächen.

Und zugleich erlebt eben diese Kita-Leitung, dass sie ohne den Einsatz von Zeitarbeitskräften die Woche gar nicht planen kann.
Und dann noch Zeit für Fortbildungen des Teams? Längerfristig? „Mit Gott groß werden“ – wenn das Kita-Team durch einen nur mäßig interessierten KGR, mangelnde Ausstattung oder bauliche Mängel kleingehalten wird …
Engelsgeduld.

Ortswechsel.
Und die Engel gehen mit.
In den Kirchspielen habe ich Menschen kennengelernt, die „wie mit Engels-zungen reden“, damit sich niemand vor den Kopf gestoßen fühlt.

Oder, ein anderer Punkt: Oft ging das über das gemeinsame Essen, das Teil der Sitzungen war.

In einem Kirchspiel hat die Steuerungsgruppe innerhalb von vier Monaten je-weils zum Auftakt ihrer Treffen einen Gemeindegottesdienst der Nachbarge-meinde besucht.
Dann gab es eine Führung zu den wichtigen Gebäuden der Gastgeberin, Mit-tag für alle und schließlich eine gemeinsame Sitzung der KGR-Delegierten zum Kirchspielprozess.
Das war richtig gut!

In einem anderen Kirchspiel sorgt der geografisch in der Mitte liegende Gast-geber regelmäßig für belegte Brötchen bei den Sitzungen.
Und zwar ohne dann im Anschluss den anderen mitzuteilen, dass sie jeweils noch ein Drittel der Ausgaben überweisen müssten.
Bevor Sie jetzt denken, dass es mir nur um das Essen geht: diese Maßnah-men, um Leib und Seele zusammenzuhalten, kann man gar nicht hoch genug einzuschätzen.

Kompromissbereitschaft in Veränderungen ist ein weiterer Punkt.

Oder die Fähigkeit, nicht auf Positionen zu beharren, sondern sich über die je-weiligen Bedürfnisse auszutauschen.

Mit Engelszungen und Engelsgeduld.

Die Bibel und das Anbeten.
Und – davon abgeleitet – die Fragen: was ist mir wichtig? In meiner Arbeit? In meinem ehrenamtlichen Engagement? Warum bin ich als Pastorin auf einer Teampfarrstelle? Oder eben alleine?
Wie wichtig nehme ich mich?
Kann es sein, dass die Zusammenarbeit mit der Nachbargemeinde nicht so richtig in die Gänge kommt, weil ich ja eh‘ vor 2030 in Pension gehe?
Und darf es wirklich sein, dass ich die Komfortzone meiner gewohnten geisti-gen Laufwege nicht verlassen möchte – und dabei vergesse, dass ich mit dem KGR und den anderen Mitarbeitenden nach dem suchen soll, was Christum treibet und was der Gemeinde guttut?

Solche Situationen auszuhalten, sind für mich eine sehr große Versuchung gewesen.
Oh, wie gerne wäre ich der Prozess-König Andreas I. gewesen, der die nächs-ten Schritte zur Zusammenarbeit einfach mal anordnet.
Zack, Bumm.
Senkrecht von oben!

Ja, das stimmt.

Und genauso wahr ist es auch, dass dieser Strukturprozess eben auch etwas Inneres berührt bei denjenigen, die für solche Empfindungen sensibel sind.

Ein gottesdienstlicher Ort – Kirche, Kapelle, Gemeindehaus – wo zuvor jeden Sonntag Gottesdienst gewesen ist – und jetzt nur noch alle zwei Wochen.

Das ist mehr als eine Frage von Ressourcenoptimierung und Synergieeffekt und all diesen anderen Worten, mit denen sich so prima "Bullshit-Bingo" spie-len lässt.

Die erwähnten Veränderungen berühren Fragen wie: Was halte ich hoch? Was ist mein Credo? Meine Berufung?
Das ist jetzt eine ziemliche pastorale Sichtweise – ich kann ich eben auch nicht aus meiner Haut.

Darum diese Ergänzung: Wie mag dann denen zumute sein, die in einer Kir-chengemeinde nicht nur arbeiten, sondern beheimatet sind?
Die in einer Kapelle getraut wurden, in der jetzt keine Gottesdienste mehr statt-finden?

Dieses Fass ist viel zu groß, um es jetzt mal eben am Predigtende noch auf-zumachen.
Ich möchte nur dafür werben und darum bitten, dass sich die Menschen in die-sem Prozess auch weiterhin die Zeit dafür nehmen, sich über Befindlichkeiten und Gefühle und Trauer und zarte Hoffnungszeichen und Wünsche miteinan-der auszutauschen.

Und dass diejenigen in Leitungsverantwortung akzeptieren, dass sich nicht alle Verletzungen mit einem Verband bedecken lassen.

An manche Wunden muss auch Luft rankommen können.
Sie müssen gezeigt, gesehen, gewürdigt werden, um vielleicht irgendwann einmal heilen zu können.

Dann, liebe Gemeinde, kann der Segen, der auf dem menschlichen Miteinan-der liegt, spürbar werden.

Und vielleicht haben wir dann tatsächlich das Gefühl, dass die Engel uns be-dienen. Weil wir auf Gottes Spuren unterwegs sind.

Allen diesen Aufgaben habe ich mich gerne gestellt.

Inklusive meiner Zeit als Schönberger Pastor bin ich diesem Kirchenkreis 22 Jahre lang verbunden gewesen.

Meine Zeit hier endet.

Und auch auf dieser Kanzel.

Rührseligkeit entfällt.

Und ich denke mir: „Wenn es schwer ist – nimm’s leicht!“

Amen.

 

P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit! 


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