Gruß zum Sonntag
Gruß zum 9. Sonntag nach Trinitatis am 02.08.2026
von Pastor Schade
Thema:
Auf dem Weg
Rast und Ruhe – Kraft tanken
Gnade sei mit Euch und Fried von dem, der da war, der da ist und der kommt.
Amen.
Schwestern und Brüder in Christus,
liebe Gemeinde,
ich lese einen Abschnitt aus dem 1. Buch der Könige wie Elia durch Gott gestärkt wurde.
> 1. Könige 19, 3 – 8
Ein Mann geht durch die Wüste – niedergeschlagen, ja verzweifelt, voller Angst und Furcht, auf der Flucht, am Ende seines Lebenskonzeptes: Elia. Für seinen Gott hatte er sich eingesetzt. Jetzt erschöpft, konnte er kaum noch einen Fuß vor den anderen setzen. Immer wieder blickt er sich um. Ob ihn Königin Isebel immer noch verfolgen ließ? Nein, außer Steinen, Sand und ein paar trockenen Sträuchern konnte er in der flirrenden Hitze der Wüste nichts erkennen. Seine Kehle war trocken und die Datteln und Oliven, die er noch schnell vor seiner Flucht eingepackt hatte, waren auch schon gegessen.
Schließlich schleppte sich Elia zu einem Ginsterstrauch, der wenigstens etwas Schatten spendete und ließ sich dort einfach fallen. Es war, als ob alle Kraft ihn verlassen hätte. Sein Blick ging ins Leere…
Für seinen Gott hatte er in seinem Volk Israel gegen den Kult des Gottes Baal gekämpft, dem die Israeliten mit ihrem König Ahab und seiner Frau Isebel, die diesen Kult aus ihrem Land mitgebracht hatte, verfallen waren. Nur hatte er den Bogen überspannt und in seinem Siegesrausch alle Baalspriester töten lassen.
Natürlich drohte ihm die Königin ihrerseits mit dem Tod.
Aber diese simple Todesdrohung genügt und Elia klappt zusammen. Eben noch fühlte er sich als Richter und Rächer im Namen Gottes. Jetzt ist er ganz klein, rennt weg, flieht in die Wüste.
Die Wüste ist ein schwieriger, ein harter Ort zum Leben. Nicht nur, weil Wasser und Schutz knapp sind, weil die Gewissheiten des Alltags nicht mehr zählen und das Leben täglich neu erkämpft werden muss. Die Wüste ist auch deshalb so hart, weil Elia dort ganz allein mit sich selbst ist – erschöpft, ermattet, resigniert, kraftlos.
Auch im Leben von uns gibt es solche Zeiten. Wenn wir aufgerieben sind von den täglich zu bewältigenden Aufgaben auf unserem Weg, weil es zu viele sind, wenn die Belastungen des Berufs, der Familie Überhand nehmen und uns wenig oder keine Zeit und Muße lassen, zur Ruhe zu kommen, durchzuatmen. Wenn wir an die Grenzen unseres Lebens kommen, den Schutz des Gewohnten verlassen und ins Ungewisse aufbrechen müssen, dann geht es für uns oft durch die Wüste.
Das ist dann nach außen hin oft weniger dramatisch als bei dem Propheten. Aber nach innen kann es sich ähnlich drastisch anfühlen: Das alte Leben ist am Ende, das neue noch ganz offen, und dazwischen liegt eine quälende Ungewissheit: Ob es jemals wieder anders, besser wird? Ob wir neu leben lernen können? Ob es ein Land gibt jenseits der Wüste?
Oder weniger dramatisch: Wann kann ich endlich einmal zur Ruhe kommen, mich erholen, ausruhen, vielleicht Urlaub machen, mich besinnen.
Da ist ein junger Mann, unzufrieden im Beruf, weil die versprochenen Aufgabenbereiche anderen anvertraut werden. Er ist gerade Vater geworden und mit dem neugeborenen Kind in eine größere Wohnung umgezogen; zu alledem macht er parallel noch eine berufliche Fortbildung. Erschöpft, kraftlos fühlt er sich und weiß manchmal nicht, wie er das alles schaffen soll.
Oder ein Mensch, der einmal einen lebendigen Glauben gehabt hat, der engagiert und glücklich war und gesegnet mit seinem Leben. Dankbarkeit gegenüber Gott war der Grundton seines Lebens gewesen. Und dann: Krankheiten, Todesfälle, Abschiede, Konflikte und Brüche. Zunächst hatte er all das Negative noch mit den Bausteinen seines alten Glaubens verstehen wollen, aber irgendwann ging das nicht mehr. In ihm zerbrach etwas, Gott schien auf einmal unendlich fern.
Die Wüste ist nicht nur wegen ihrer Gefahren ein harter Ort. Sie ist auch deshalb ein harter Ort, weil wir uns in der Wüste nicht mehr selbst aus dem Weg gehen können. Weil uns nichts mehr von uns selbst ablenkt. Weil wir Schritte wagen müssen ins Ungewisse, im Vertrauen auf eine Zukunft, deren Konturen sich noch nirgends abzeichnen. Weil das, was uns früher leichtfiel, jetzt unendlich viel Kraft kostet.
So wie Elia. Der legt sich hin und will schlafen, nur noch schlafen. Und vielleicht nie mehr aufwachen.
So legt er sich unter einen Strauch, erschöpft von der Flucht. Erschöpft von der Schuld, die er auf sich geladen hat durch seinen Mord an den fremden Priestern.
Aber es gibt Hoffnung: Die Wüste ist nicht nur der Ort von Unsicherheit und Gefahr, nicht nur der Ort, an dem der Selbstbetrug ans Ende kommt und die große Einsamkeit droht. Die Wüste ist auch der Ort der Begegnung mit Gott.
Gott lässt den Todesschlaf nicht zu. Ihm, der zu Tode erschöpft ist, lässt Gott neue Kraft zukommen. Ein Bote tritt auf – vielleicht ein Hirte aus der Nähe, der nun dem Elia zum Engel wird. Er weckt ihn und sagt: „Iß erst einmal etwas!“ Brot und Wasser – diese Ur-Lebensmittel helfen dem Elia auf. Gleich zweimal wird ihm solche Stärkung zuteil.
Welch seelsorgerliches Handeln Gottes! Nicht gleich beim ersten Mal wird Elia mit einem Auftrag gefordert, seinen Weg fortzusetzen. Zunächst einmal darf er sich ausruhen und erholen. Das tut der erschöpften Seele und dem ermatteten Körper gut. Elia macht eine neue
Erfahrung mit Gott: Gott ist der, der das Leben will, der sich um den Menschen kümmert und Möglichkeiten eröffnet, neue Kraft für den so anstrengenden Weg zu bekommen.
„Iß erst einmal etwas, ein solcher Satz verschafft mir eine Pause, verschafft Luft in schwieriger Situation. Wie gut tut es, wenn das jemand zu mir sagt und mir damit Ruhe und Zeit zur Stärkung, vielleicht zum Nachdenken ermöglicht.
Schwestern und Brüder in Christus, Gott schenkt uns immer wieder solche Augenblicke, Zeiten, Situationen, in denen wir innehalten, rasten und ruhen können auf unserem Weg – manchmal ja vielleicht auch müssen, um zu uns selbst zu kommen und neue Kraft zu schöpfen.
Ich könnte jetzt solche Erfahrungen von Menschen auflisten. Aber stattdessen möchte ich Sie einladen und herzlich bitten, einmal auf den eigenen Lebensweg zu blicken, und Orte, Zeiten, Situationen zu erinnern, in denen Sie Erfahrungen mit Kraftquellen gemacht haben, in denen Sie gestärkt wurden, neu Kraft tanken konnten und dies vielleicht ja auch als eine Begegnung mit Gott erlebt haben.
Und vielleicht mögen Sie sich darüber auch in kleinen Gruppen untereinander austauschen.
Elia bekam in der Wüste neue Kraft, er wurde verwandelt und konnte den Weg weitergehen, den Gott für ihn vorgesehen hatte. Er hatte in der Zeit der Ruhe und der Rast in der Wüste erfahren, dass Gott ein Gott ist, der Leben schafft und immer wieder neu schenkt, der uns stärkt und aufrichtet. Martin Luther hat in seinen Wüstenzeiten an der Zusage Gottes in der Taufe festgehalten, dass er Gottes geliebtes Kind ist und bleibt, gleich, ob der Weg, den er aus tiefster Überzeugung gegangen ist, der richtige ist. Das hat er zutiefst geglaubt und das hat ihm immer wieder neu Kraft gegeben, durchzuhalten und seinen Weg weiter zu gehen.
Ich hoffe und wünsche Ihnen, dass Sie beim Nachdenken und im Austausch mit anderen über Ihre Kraftquellen
spüren konnten, dass Gott anders ist. Gott kann anders gegenwärtig sein, als wir es uns vorstellen. Elia machte später die Erfahrung, dass Gott in der Stille, in der Ruhe, in der Zärtlichkeit und Sensibilität gegenwärtig ist.
Das sind Erfahrungen, die Menschen auch heute machen. Fernöstliche Schweige- und Meditationspraktiken weisen uns auf Wege unserer christlichen Tradition, Gott zu erfahren, die im Schweigen, im Loslassen, in der Hingabe, im Gebet liegen. Da kann es sich ereignen, dass man sich selbst und zugleich den Grund des Lebens, Gott, spürt.
Daraus erwächst neue Kraft und Erholung.
Sören Kirkegaard, ein dänischer Theologe des 19. Jahrhunderts, hat diese Erfahrung in Bezug auf das Gebet anschaulich beschrieben: „Als mein Gebet immer andächtiger und innerlicher wurde, da hatte ich immer weniger und weniger zu sagen. Zuletzt wurde ich ganz still. Ich wurde, was womöglich noch ein größerer Gegensatz zum Reden ist, ich wurde ein Hörer. Ich meinte erst, Beten sei Reden. Ich lernte aber, dass Beten nicht bloß Schweigen ist, sondern Hören. So ist es: Beten heißt nicht: sich selbst reden hören. Beten heißt: still werden und still sein und warten bis der Betende Gott hört.
Schwestern und Brüder – um Gott zu spüren, um neue Kraft für meinen Weg zu bekommen, brauche ich einen ruhigen, stillen Raum, der mir meine inneren räume eröffnet und mich so zur Kraftquelle des Lebens führt: zu Gott. So wird Gott mir Quelle und Brot, Kraft und Segen – immer wieder neu.
Amen.
Manfred Schade, Pastor i.R.
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!



