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Gruß zum Sonntag

Gruß zum Sonntag Reminiszere am 01.03.2026
von Pastorin Parra

Seht hin, er ist allein im Garten. Er fürchtet sich in dieser Nacht, weil Qual und Sterben auf ihn warten und keiner seiner Freunde wacht. 

Du hast die Angst auf dich genommen. Du hast erlebt wie schwer das ist. Wenn über uns die Ängste kommen, dann sei uns nah Herr Jesus Christ. (EG 95,1)

 

Liebe Gemeinde,

wenn ich mit Schulklassen unsere Stadtkirche betrete, sehen sie zuerst das Kreuz. Sie sehen Leid und Tod, all das, wovon unsere Welt voll ist und wovor wir sie doch eigentlich beschützen möchten. Warum stellen wir das Kreuz so in den Mittelpunkt, warum bekommt das Leid bei uns gerade in dieser Zeit vor Ostern so viel Raum?

Spannend ist, dass auf den im 2. Weltkrieg von Ina Hoßfeld gestalteten Fensterbildern in der kleinen Kirche  jede Kreuzesdarstellung fehlt. Erst dachte ich,  die Künstlerin wollte den leidenden Christus ausklammern und nur einen siegreichen, mächtigen Christus zeigen. Vielleicht, weil sie in dieser Zeit den Gedanken an einen schwachen Gott nicht ertragen konnte. Dann habe ich gelesen, dass sie das schon vorhandene Altarkreuz mitgedacht hat, als Mittelpunkt ihres Werkes – gewissermaßen durch alles durchscheinend.

Ohne das Kreuz keine Auferstehung. Ohne dass Gott sich all dem Schrecklichen und Grauenhaften aussetzt bis zum Letzten gäbe es immer einen Ort, an dem wir ohne ihn wären, an dem wir vergeblich riefen: Denk an deine Barmherzigkeit und Güte, Gott!

Und darum ist mir die Szene im Garten so wichtig, die Jesus vor seiner Gefangennahme und Kreuzigung erlebt: Er hat Angst – Todesangst. Und er weicht dieser Angst nicht aus, verdrängt sie nicht, stellt sich all ihrer Wucht:

Wie so oft schlendern sie nach dem Essen gemeinsam hinüber in den Olivenhain, wo es nach Frühling duftet, die Grillen zirpen und die laue Abendluft sich wie ein schützender Mantel um sie legt. Als wäre dies ein ganz gewöhnlicher Abend wie jeder andere. Aber so ist es nicht. Sie haben ja Jesu Worte gehört: Einer von ihnen wird sie verraten. Jesus wird sterben und sie bleiben allein zurück. Die Angst lauert in den dunkler werdenden Schatten, in jedem Wort, das versucht, die Fassade des Alltäglichen aufrecht zu halten. Bleiern liegt sie auf ihnen und macht sie todmüde, unfähig einen klaren Gedanken zu fassen oder gar dem, was da lauert, ins Auge zu blicken. So reden sie über Belangloses. Einige dösen ein.

Jesus hält es nicht mehr aus, hier zu sitzen als wäre nichts: „Bleibt hier sitzen.

Ich gehe dort hinüber und bete“, sagt er. „Petrus, Jakobus und Johannes – kommt ihr mit?“

Als sie zu viert etwas abseits stehen, überfallen ihn Angst und Trauer und er lässt seine Freunde daran Anteil haben: „Ich bin verzweifelt und voller Todesangst. Wartet hier und wacht mit mir.“ Er selbst geht noch ein paar Schritte weiter, wirft sich auf den Boden, bittet Gott um einen Ausweg, wenn irgend das möglich ist. Die ganze Angst vor den Qualen und alle Trauer um das Leben, das er lassen muss legt er in dies Gebet und vertraut sich mit alldem Gott und dessen Wille an.

Als er zu den Freunden zurückkommt, sind die eingeschlafen. „Bleibt wach und betet!“ So bittet er sie, bittet sie, mitzugehen auf seinem Weg mit Gott. Nicht nur für sich bittet er sie,  sondern auch für sie selbst, gegen ihre eigene Angst, die sie lähmt.

Noch einmal geht er ins Gebet und fasst Mut: Ja, wenn es nicht anders möglich ist, dann will und wird er das alles durchstehen. Als er zurückkehrt sind die Freunde wieder eingeschlafen. Er lässt sie schlafen, betet allein – bis es dann so weit ist, der Morgen dämmert und man ihn gefangen nimmt.

Mich rührt diese Geschichte an, weil sie Jesus in Ängsten und Zweifeln zeigt. Weil sie zeigt, wie Jesus selbst um Fassung und Beistand ringt. Der Himmel öffnet sich diesmal nicht. Keine tröstende Stimme erklingt, nicht die Gottes und auch nicht die seiner Freunde.

Gott weiß also wie das ist, wenn man mit seinen Ängsten allein zu sein scheint. Er hat es selbst in Jesus Christus erlebt, hat sich den Ängsten gestellt und sie zur Sprache gebracht.

Mutig ist nicht, keine  Angst zu haben, sondern mutig ist, Angst zu haben - entsetzliche Angst - und nicht davor wegzulaufen, sich ihr zu stellen. Die Freunde Jesu konnten das nicht. Sie haben es nicht an Jesu Seite ausgehalten, nicht mit ansehen können, was er erlitt und so sind ihnen die Augen zugefallen. Nichts mehr hören und sehen müssen von alldem – das war keine bewusste Entscheidung, das hat ihr Körper so für sie arrangiert und sie haben es geschehen lassen.

Jesus verurteilt sie nicht dafür. Er hat die Angst auf sich genommen – auch ihre Angst. Er hat erlebt, wie schwer das ist. Er ist an unserer Seite - uns nah - in allen Ängsten, die über uns kommen. Darum dürfen und können wir uns ihnen stellen. Susanne Niemeyer hat ein Buch geschrieben, das heißt „Mut ist ... Kaffeetrinken mit der Angst“. Mut ist, die Angst einfach platznehmen lassen auf dem Sofa und ihr Leid klagen lassen.

Oft ist es gar keine bewusste Entscheidung, den Ängsten aus dem Weg zu gehen. Den Freunden Jesu sind ja auch nicht mit Absicht die Augen zugefallen. Es ist einfach passiert. Wie so vieles in unserem Leben einfach passiert:

Jana hat eine  Freundin, die schwerkrank ist und die sie immer anrufen will, es aber nicht macht, weil ...ja warum eigentlich? Weil alle Worte hohl klingen? Weil sie Angst hat, das Falsche zu sagen und es noch schlimmer zu machen? Weil sie Angst hat, das Leid nicht auszuhalten?

Paul hat einen alten Onkel, dessen Frau gestorben ist und er wollte sich schon lange bei ihm melden. Aber was soll er sagen. Das sind doch alles nur Phrasen. Davon wird die Tante auch nicht wieder lebendig....Das denkt er gar nicht so explizit. Eigentlich passiert es mehr: Immer wieder ein neuer Tag, an dem es tausend wichtigere Dinge gibt. Der Alltag geht weiter, so ist das nun mal.

Die Geschichte von Jesus im Garten sagt mir zum einen: Es ist menschlich, Angst und Leid nicht ertragen zu können. Aber zum anderen auch: Gott ist da – mitten im Leid, in der Angst, im Zweifel. Gott hält das mit uns aus und darum können wir es mit anderen aushalten. Es kommt auch nicht darauf an, dass wir dabei alles richtig machen. Eigentlich können wir gar nichts falsch machen, wenn wir dableiben und versuchen, mit auszuhalten, was eigentlich nicht auszuhalten ist. Wenn wir wach bleiben und beten – trotz aller Ausweglosigkeit. Im Vertrauen darauf, dass Gott das mit uns aushält, uns hält.

Fällt Ihnen ein Mensch ein, an dessen Seite sie bleiben wollen? Bei dem sie bleiben, wachen, beten und es aushalten wollen, dass sie sonst nichts tun können?

Wir möchten Sie einladen, nachher in der Stille eine Kerze für diesen Menschen anzuzünden. Ohne jede Verpflichtung, im Alltag immer für ihn oder sie einstehen zu können - aber in  diesem Moment ganz da, ganz wach und ganz bei diesem Menschen, an den Sie denken.

Man kann das üben: Dableiben, wachen, beten. Es kann immer mehr Teil des Alltags werden. Wir können Kaffeetrinken mit der Angst, weil wir wissen: Gott ist uns auch dabei nah. Gerade dabei. Mal wird es gelingen und mal auch nicht. Und wenn es mal nicht gelingt, muss uns das nicht neue Ängste und Gewissensbisse bereiten.

Jesus sagt einfach zu seinen schlafenden Freunden: „Steht auf, wir wollen gehen.“ – und weckt uns auf zu einem Leben mit Ihm, dem Gekreuzigten und Auferstandenen. Kein Leben ohne Ängste und Zweifel, aber eins mit immer neuen Chancen, mitten im Zweifel wach, lebendig und mutig zu sein.

 

Eine gesegnete Passionszeit                                       Ihre Pastorin Ute Parra

 

 

P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit! 

 


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